Silentium war eines der prägendsten Kapitel in der Geschichte der medialen Gattung und hat ihre Gesellschaft nachhaltiger verändert als jedes andere Ereignis. Um seine Bedeutung und die Hintergründe verstehen zu können, ist es notwendig, die Entwicklung der Medialen vor, während und nach diesem Programm zu betrachten.
Vor Silentium
Vor Silentium war die mediale Gesellschaft von enormem geistigem Potenzial, aber auch von massiven inneren Spannungen geprägt. Die mentalen Fähigkeiten der Medialen nahmen von Generation zu Generation zu, ebenso wie die Gefahr von Kontrollverlusten. Immer wieder kam es zu psychopathischen Episoden, mentalen Zusammenbrüchen und Gewaltausbrüchen, ausgelöst durch überfordernde Emotionen, Machtmissbrauch oder unzureichende Selbstkontrolle. Besonders hochbegabte Telepathen, Telekineten und andere Spitzenkräfte stellten eine reale Gefahr für ihr Umfeld dar. Die Angst vor dem eigenen Untergang wuchs, ebenso wie die Überzeugung, dass Gefühle der Ursprung allen Chaos seien. In dieser Zeit entstanden erste radikale Theorien, die Emotionen nicht als Teil des Selbst, sondern als Störfaktor betrachteten.
Während Silentium
Silentium war – vermeintlich – die Antwort der medialen Führung auf diese Entwicklung. Vor der Einführung des Programms debattierte die mediale Gattung über Jahre das Für und Wieder. Es handelte sich nicht um ein einzelnes Gesetz oder eine Droge, sondern um ein umfassendes mentales Konditionierungsprogramm, dem über ein Jahrhundert hinweg nahezu alle Medialen unterstanden.
Bereits im frühen Kindesalter begann man damit, Mediale darauf zu konditionieren, Emotionen zu erkennen, als Gefahr einzuordnen und sofort zu unterdrücken. Jede emotionale Regung wurde mit mentalem Schmerz, innerer Disziplinierung und sozialer Sanktion beantwortet. Gefühle galten als Schwäche, Bindungen als Risiko, Nähe als potenzieller Auslöser für Instabilität.
Nach außen wirkte die mediale Gesellschaft während Silentium kontrolliert, effizient und rational. Tatsächlich führte das Programm jedoch zu einer tiefgreifenden inneren Verarmung. Emotionen verschwanden nicht, sie wurden lediglich verdrängt und sammelten sich unter der Oberfläche. Viele Mediale litten unter innerer Leere, Identitätsverlust und degenerierten mentalen Schilden. Besonders fatal waren plötzliche Brüche des Silentium-Zustands, bei denen sich jahrelang unterdrückte Emotionen explosionsartig entluden.
Die einzigen, die von dem Programm profitierten, waren psycho- und soziopathische Individuen, die bereits ohne Gefühle geboren und dadurch zum perfekten Beispiel für die mediale Gattung wurden. Vollkommen ohne Emotionen, stellten sie jedoch auch weiterhin das größte Schreckgespenst dar, denn aus ihren Reihen kamen alle Serienkiller, die die mediale Gattung in den 100 Jahren Silentium hervorbrachte.
Parallel dazu veränderte sich auch das Medialnet. Es verlor an Farbe, Tiefe und Verbindung, wurde kalt, steril und fragmentiert. Andere Gattungen wurden systematisch ausgeschlossen, was das Netzwerk zusätzlich destabilisierte, jedoch sollten diese Folgen erst ein Jahrhundert nach Einführung des Programms offensichtlich werden.
Nach Silentium
Nach Silentium kam der Wendepunkt – vor etwas mehr als vier Jahrzehnten, als das Programm offiziell als gescheitert erklärt wurde. Ausschlaggebend dafür war unter anderem die Rückkehr der Empathen, deren Fähigkeiten emotionale Verbindungen nicht unterdrücken, sondern stabilisieren. Mit ihnen kehrten Farbe, Bewegung und Bindung ins Medialnet zurück. Auch die erneute Einbindung von Menschen und Gestaltwandlern trug dazu bei, das geistige Netzwerk langsam zu stabilisieren, das kurz vor einem kompletten Kollaps stand, was die vollständige Auslöschung der medialen Gattung zur Folge gehabt hätte. Silentium wurde in seiner ursprünglichen Form beendet, doch seine Spuren sind bis heute deutlich spürbar. Besonders ältere Generationen halten weiterhin an den Idealen emotionaler Kontrolle fest, während jüngere Mediale zwischen neu gewonnener Freiheit und mangelnder innerer Stabilität schwanken.
Silentium selbst gilt heute per se nicht als verbotenes Konzept, vielmehr wurde seine extreme Form der Emotionsauslöschung verworfen. An seine Stelle traten zahlreiche neue Programme und Schulungsmodelle, die bis heute existieren. Diese zielen nicht mehr darauf ab, Gefühle abzutöten, sondern lehren Disziplin, Selbstbeherrschung und bewussten Umgang mit Emotionen. Vor allem für Mediale mit sehr starken Kräften bieten solche Programme eine Form von Sicherheit – für sie selbst und für ihr Umfeld. Sie versprechen keine vollständige Kontrolle und keine absolute Stabilität, wohl aber die Hoffnung, psychotische Schübe und unkontrollierte Gewaltausbrüche besser einhegen zu können.
- Ivy Jane Zen, Präsidentin des empathischen Kollektivs, 2085
Rehabilitationszentren
Die Rehabilitationszentren der medialen Gattung sind untrennbar mit der Geschichte des Silentiumprogramms verbunden. Ursprünglich als Einrichtungen zur Stabilisierung mental auffälliger Medialer gedacht, sollten sie Orte der Sicherheit sein – für die Betroffenen selbst, ebenso wie für ihr Umfeld. In der Theorie dienten sie der Behandlung, der Strukturierung und dem Schutz jener Medialen, deren Kräfte außer Kontrolle zu geraten drohten.
Bereits vor Silentium war der Umgang mit instabilen Medialen von kühler Zweckmäßigkeit geprägt. Der Wert eines Individuums wurde nicht an seinem Wohlergehen, sondern an seiner Funktionalität bemessen.
Mit der Einführung von Silentium wandelten sich die Rehabilitationszentren endgültig von medizinischen Einrichtungen zu Instrumenten systematischer Rekonditionierung. Emotionale Abweichungen, Empathie, Bindungsfähigkeit oder instinktives Verhalten galten als Störungen, die korrigiert oder ausgelöscht werden mussten.
Während der Hochphase von Silentium bedeutete eine Einweisung in ein Rehabilitationszentrum für viele Mediale faktisch eine Verurteilung. Je nach Ausmaß der Abweichung reichten die Maßnahmen von sanfter Rekonditionierung bis hin zur gezielten Zerstörung höherer geistiger Funktionen. Erinnerungen wurden gelöscht, Persönlichkeitsanteile unterdrückt oder vollständig zerstört, emotionale Wahrnehmung dauerhaft abgeschaltet. Ein erheblicher Teil der Patienten verließ diese Einrichtungen nicht als geheilte Individuen, sondern als geistig gebrochene Hüllen, die kaum noch zu selbstständigem Leben fähig waren. Andere überlebten die Eingriffe nicht.
Diese Zentren galten selbst unter Medialen in Silentium als gefürchtete Orte. Die Angst vor Einweisung wirkte als zusätzliches Disziplinierungsinstrument und verstärkte den inneren Druck, jede emotionale Regung zu unterdrücken. Der Begriff Rehabilitation verlor in dieser Zeit jede Verbindung zu Heilung oder Fürsorge.
Mit dem offiziellen Ende von Silentium wurden Rehabilitationszentren in ihrer bisherigen Form verboten. Dennoch verschwanden sie nicht vollständig. Einige Einrichtungen bestanden unter neuen Vorwänden fort und nutzten die rechtliche Grauzone, um weiterhin Mediale zu internieren – häufig jene, die als instabil, beschädigt oder gesellschaftlich „wertlos“ galten. Unter dem Deckmantel medizinischer Betreuung wurden pharmakologische Studien, invasive Therapieversuche und Verhaltensexperimente durchgeführt, die erneut schwerwiegende mentale Schäden oder den Tod der Betroffenen zur Folge hatten. Diese Zeit gilt heute als eines der dunkelsten Nachkapitel der Silentium-Ära.
Erst in den letzten Jahrzehnten setzte ein nachhaltiger Wandel ein. Unter dem wachsenden Einfluss von Empathen und M-Medialen wurden die verbliebenen Rehabilitationszentren schrittweise reformiert oder vollständig neu aufgebaut. Heute unterstehen die meisten Einrichtungen der Aufsicht des empathischen Kollektivs oder werden direkt von Empathen geleitet. Ihr Ziel ist es nicht länger, Abweichungen zu eliminieren, sondern Medialen mit emotionalen oder mentalen Problemen dabei zu helfen, Stabilität zu erlangen und ein möglichst eigenständiges Leben zu führen – ohne eine Gefahr für sich selbst oder andere darzustellen.
Moderne Rehabilitationszentren arbeiten mit freiwilligen Programmen, therapeutischer Begleitung, kontrollierter Schulung mentaler Fähigkeiten und dem bewussten Erlernen emotionaler Selbstregulation. Zwangsmaßnahmen gelten als letztes Mittel und unterliegen strengen Auflagen. Dennoch bleibt das Misstrauen groß. Zu tief sitzen die kollektiven Erinnerungen an Rekonditionierung, Verlust der eigenen Identität und irreversible Schäden.
Rehabilitationszentren sind heute das, was sie dem Namen nach immer hätten sein sollen: Orte der Hilfe. Doch ihr Ruf ist bis heute belastet, und es wird noch Generationen dauern, bis die mediale Gesellschaft gelernt hat, sie nicht mehr als Orte des Verschwindens zu fürchten.
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